Schreiben. Gefühle.

Manchmal fällt es mir schwer etwas neues zu verfassen. Es passiert so viel und doch fehlen mir manchmal die Worte. Jeder der schreibt möchte etwas ausdrücken, jeder der Teste verfasst sehnt sich nach dem einen Wort, der wie ein Schlüssel das Geheimnis des inneren öffnet. Manchmal leide ich daran, die Worte nicht zu treffen was ich im innersten erahne und ausdrücken möchte. Schreiben ist eine art Ringen nach Worten, die die Menschen berühren und nachfühlen lässt. Es scheint manchmal die Einzige Art zu sein mich auszudrücken, so zu sein wie ich wirklich bin, was ich fühle, eine absolute Ehrlichkeit meinen Mitmenschen und mir gegenüber. Wenn ich in Gesprächen verwickelt bin und versuche meinen Gefühlen Raum zu geben fühlt es sich schrecklich an. Ich kann keine Gefühle ausdrücken. Kaum habe ich ein paar Worte gesagt, mache ich mich über mich selbst lustig, zerstöre ich die ganze Wirkung durch einen ironischen Satz. Es ist ein Mißtrauen gegen mich selbst. Ich staune über mich selbst, meine Empfindungen preisgeben zu hören, wie alle anderen es tuen. Ich höre mir aufmerksam zu, als wäre es jemand anderes der spricht und glaube, nicht mehr aufrichtig zu sein. Durch die Worte erscheinen mir meine Gefühle aufgeblaßen und fremd. Ich meine dann, man wird mich belächeln wie ein kleines Mädchen das von Dingen spricht, die es nicht kennt. Es ist schrecklich. Manchmal bin ich durcheinander, fühle mich alleine, könnte die ganze Welt umarmen, könnte schreien oder weinen und doch sitze ich nur da und verhalte mich ruhig als wäre nichts. Ich wünschte mir so sehr jemand würde spüren, das was ich spüre und holt mich aus meinem Käfig. Es gibt ein Buch von Kafka. Mein absolutes Lieblingsbuch. Es nennt sich der Hungerkünstler. Schlichtweg geht es um einen Künstler der mehrere Wochen in einem Käfig eingesperrt ist und hungert. Ähnlich fühle ich mich. Mein Körper ist eingesperrt, in diesem beengten Käfig, der lachenden Masse von Zuschauern hilflos ausgeliefert. Und mein Kopf schaut ebenfalls herab, von außen beobachtet er das Geschehen, den kämpfenden Körper und doch greift er nicht zum Schlüssel und öffnet die Tür. Wie wird dies wohl ausgehen?

In der Zeit  von Fitbit und Withings.

Essen  tracken, Kalorien überwachen, Schritte zählen, Gewicht kontrollieren, Fettanteil, Wasseranteil, Muskelmasse und Knochenanteil messen… Und das alles schön aufgezeichnet in einem bunten Diagramm leicht verständlich für jedermann in einer App.  

Die Firmen werben mit Gesundheit und Kontrolle.  Ich habe gelesen das laut Studie knapp 78% der Menschen sich täglich wiegen. In einer Welt von Superfood und Smoothies, Joga und Pilates, Eiweißriegel und Proteinmüsli dürfen natürlich die Kontrolle über das eigene Gewicht nicht fehlen. Reden wir nicht hier schon von einer Förderung von Essstörungen? Ich meine, ständig diese Kontrolle über sich und seinen Körper weißt doch darauf hin, besser gesagt werden wir dahin gedrängt. Immer höher, schneller weiter. Niemand darf scheitern, niemand versagen, niemand die Last dem Frohsinn zu tragen. Es ist doch so einfach, einfach die Uhr anlegen und der Rest wird für mich erlegt, alles überwacht und kontrolliert.  Stündlich Erinnerungen an Bewegung nicht zu vergessen! Auf die Waage gestiegen 1Minute und alle Messungen sind erledigt. Binnen Sekunden in der App übertragen und mit einem Sternchen für den nächsten Erfolg versehen. BMI, Körpergewicht und zielgewicht scheinen über die Gesundheitliche Grenze hinaus nicht relevant zu sein. Im Gegenteil, weiter wird motiviert und angespornt weiter abzunehmen, Kalorien einzusparen und weitere Schritte zu laufen. Wie soll man da den nur den Absprung schaffen? 

Ich selber nutze beide Dinge, für mich als Essgestörte eine wahrliche Erleichterung. Jedoch erlege ich mir mehr Zwängen auf, ein ewiger Teufelskreis. Selbstmord auf Raten….

Emotionslos.

Es ist Kalt verregnet und ich sitze vor der Heizung, eingewickelt in Decken. Ich starre in die Leere und versuche etwas zu fühlen. Nur ein kleiner Hauch von jeglichen Gefühlen würde mir reichen. Wut, Trauer, Hass… irgendetwas. Nur es kommt nichts. Eine innere Leere durchzieht meinen Körper, meine Gedanken. 

Die letzten Wochen, Monate waren  zum Teil sehr hart. Ich habe gekämpft Schritt für Schritt zurück zu einem Normalen Gewicht. Ziel erreicht. Und doch nichts gewonnen. Wie fühlt es sich an seit Jahren wieder mehr zu wiegen , raus aus dem UG zu sein? Es ist schrecklich.  Ich schäme mich so sehr dafür. Und doch weiß ich das es besser ist, irgendwo tief in mir…. 

Ich kann nicht mehr klar denken alles rückt in den Hintergrund und ich habe das Gefühl mich auf dem Weg zu meinem Ziel verloren zu haben. Ich weiß nicht mehr wer ich bin… 

Vielleicht… Vielleicht auch nicht.

Die Verunsicherung über eine getroffene Entscheidung nimmt in dem Maße zu, wie die Relevanz deren Bedeutungsgrad abzunehmen scheint.

 

Entscheidungen werden getroffen aus Überzeugung, aus dem Herzen, aus Gegebenheiten die einfach da sind. Sicherlich ist es oft nicht einfach das richtige zu wählen. Manchmal fühlt es sich an, als würde man zwischen Himmel und Hölle entscheiden müssen, mit dem Haken das man nicht weiß welcher der beiden Wege dir direkt den Abgrund aufweißt. Man durchlebt sämtliche Szenarien, wägt für und wieder ab, immer und immer wieder. Die Zeit drängt, du weißt es muss etwas passieren. Es fühlt sich an als würde die Zeit an dir vorbeirauschen, wie ein ICE mit 200km/h und du stehst da, wie benommen weder ein Gefühl für Raum noch für Zeit. Und dann kommt dieser eine kurze Moment, es fühlt sich so klar an du weißt welchen Weg du gehen wirst, welchen Weg du gehen musst und E N T S C H E I D E S T. Tage vergehen, Wochen vergehen und die Euphorie verblasst von Sekunde zu Sekunde, von Minute zu Minute, Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. War es das richtige?  Keiner kann es dir sagen du glaubst an die Kraft der Zeit und doch steht man irgendwie wieder an der gleichen Stelle.

Ähnlich ist es mit der Essstörung. Wisst ihr, wie oft Stande ich schon vor der Wahl. Der Krankheit den Rücken kehren oder Hand in Hand der Abendsonne entgegentreten. Natürlich denkt sich jeder, das diese Entscheidung doch klar auf der Hand liegt, natürlich stellt man sich gegen die Anorexie, gegen die Bulimie und fängt neu an. Denkste! Es fühlt sich an als würde man vor einer Klippe stehen, man kehrt um, nach Hause. Zuhause ein wohliges Gefühl, Bekannt, Vertraut. Oder man springt die Klippen hinunter, unbekannt und kalt. Diese Unsicherheit die sich sofort breit macht. Dieses Gefühl neu Anfangen zu müssen, Orientierungslos zu sein, sich seinen Platz zu suchen. Und so bleibt man doch irgendwie immer auf der Klippe stehen. Die Essstörung hat für mich persönlich eine große Bedeutung (ich distanziere mich hier ausdrücklich von PRO ANA!). Ich fühle mich mit ihr zugehörig. Zu was? ich kann es nicht sagen. Sicher gibt mir das ganze einen großen Sinn in meinem Leben, es hält mich vor dieser bedrückenden Leere fern, es ist mein Schutz.Es ist nicht so, das ich mich nicht oft genug danach Sehne frei zu sein. Ohne Kontrolle und Zwänge. Doch dieser Entscheidung habe ich bisher immer wieder den Rücken gekehrt.

Aufschwung und schließlich komplette Resignation?

Zurzeit erlebe ich eine Phase zu der ich meine Gedanken und Gefühle nicht richtig zuordnen kann. Man kann sagen das ich aktuell eine Zeit durchleben die nahe zu frei von Esstörungen ist. Der gesunde Anteil ist zurzeit sehr stark. Nur man kann es schwer zusortieren bzw. Einordnen. Sorecht finde ich keinen Anfang keine detaillierte Anleitung wie ich die Gefühls- und Gedankensituation begreiflich machen kann.
Es ist doch so, das wenn man einen Weg gefunden hat mit der Essstörung zu leben,  man es akzeptiert und sich darauf einstellt ist es okay. Nur was passiert wenn es eben alles anderst kommt?  Der gesunde Anteil in mir ist so stark das die Esstörung keinen Raum erhält. Wie oft habe ich bewusst mir diesen innerlichen Dialog zwischen Gesund und Krank hervorgerufen und doch kam diese kranke Seite nie bei mir an. Und doch wünsche ich Sie mir so sehr. Es fühlt sich nicht gut an,  ohne die Sympome zu sein, es fehlt einfach grundlegend etwas. Ich fühle die Essstörung nicht und da liegt das Problem.  Ist es Angst „normal“ zu sein? Natürlich versucht man diese komplexen Gedanken zu reflektieren,  den Moment festzuhalten,  Grunde zu finden für das Gefühl,  was nicht im Einklang ist und doch findet man keine plausible,  definierte Antwort. Selbst die Zunahme ändert nichts an dieser Situation. Vielleicht ist es auch das,  was mich Wurmt.  Mittlerweile sind es 3kg die ich zugenommen habe, ich habe das Untergewicht verlassen und kratze am unteren Normal gewicht.  Normal das Wort sagt es schon. Es ist doch das,  was keiner möchte. Diese andauernde triste uninteressante Normalität aus dem Leben der Masse.  Der Gedanke daran,  dazu zu gehören ist grauenvoll. Aber ja,  ich merke natürlich wenn man etwas „Normalität“ schnuppert das es sich gut anfühlt. Ich fühle mich fitter, aktiver uns trotzdem ist dies mit einem grauen Schleier überzogen. Und was ist wenn dieses ganze nur eine kurz andauernder Aufschwung ist um schließlich in die vollkommene Resignation überzugleiten?

Therapiesitzung.

Wenn es keinen Schmerz mehr gibt und keine offenen Fragen, dann gibt es wohl auch nichts Wichtiges mehr zu erzählen.

Man überschreitet die Ortsgrenze, und plötzlich macht sich ein flaues Gefühl breit. Es ist womöglich eine Mischung aus Freude und Angst,  genau kann ich es nicht sagen. Das Herz fängt an zu Beschleunigen und man hat das Gefühl das die Schlinge um den Hals immer stärker zugezogen wird,  man ringt nach Luft, immer und immer  wieder. Schon Tage zuvor wurde der Weg gedanklich verfolgt,  man kennt ihn, eigentlich sehr gut sogar. Natürlich wird sich auch der Kopf zermürbt, Was werde ich sagen, Was habe ich erlebt, Worüber möchte ich sprechen und trozdem weiß man genau das man kein einzigen Ton Raus bringen wird. Es ist wie eine Art immer wiederkehrendes Ereignis das Einen noch Tage danach beschäftigt. Man Betritt den Raum begrüßt sich und nimmt Platz.  Es ist immer wieder aufs Neue eine Art Befremdlichkeit.  Man ist sich vertraut,  man kennt einander und trozdem ist es Merkwürdig.  Ich sitze ihr gegenüber ich lächle Sie an, wie immer in unsicheren Situationen. Und dann… ist alles weg, ich merke das es innerlich Schreit irgendetwas möchte raus,  möchte ausgesprochen werden es fühlt sich an als würde ich innerlich zerreißen und doch weiß ich nicht was ich sagen soll. Man kann es nicht deuten,  so sehr man sich auch bemüht,  keine Chance.  Ist es die Angst, die Scham,  die Unsicherheit?  Man weiß wenn man nicht spricht kann man einem nicht Helfen,  Nur wie findet man die Wörter für das was man zu spüren meint?  So verlässt man das Gespräch wie immer,  verunsichert und durcheinander und ist enttäuscht über sich selbst…

Und immer wieder steht man dazwischen.

Entscheidungen müssen immer zu getroffen werden, tagtäglich. Manchmal spielen sie eine bedeutende Rolle für die weitere Zukunft in seinem Leben und manchmal sind es schon fast routinemäßige Entscheidungen die einer Überlegung nicht mehr bedarf. Schwierig wird es erst dann, wenn Kopf , Bauch und Herz nicht mehr miteinander Verknüpft sind und sich so eine innerliche Spannung aufbaut. Der Kopf hat schon lange ohne jegliche bedenken entschieden,  der Bauch ist der herrische Störer in dieser Beziehung der die bedenken in  den Raum wirft und das Herz versteht Kopf und Bauch und kann sich nicht entscheiden.  Diese Diskrepanz wird sich immer negativ auslegen. NATÜRLICH sind wir in der Essstörung immer dieser Negativität ausgeliefert.  In jeglicher Situation.  Man kämpft,  kämpft weiter und  verliert, verliert immer wieder. Man steht immer zwischen den Stühlen, die Gesunde Seite zieht an dir möchte dich in Ihrer Fröhlichkeit mitreißen und auf der anderen Seite steht diese Störung mit einem Blick der dich innerlich zerreißen lässt,  was wird man tun?!
Oft werde ich gefragt was mir die Entscheidung für die Gesundheit so schwer macht. Es ist genau diese Diskrepanz.Beides klingt verlockend,beides durfte ich kennen lernen und beides hat Vorteile, manchmal schnuppert man von dieser Gesunden Luft, kurz , atmet ein, atmet aus und taucht wieder ab. Es ist doch wohl die Gewohnheit, die Angst, die Sucht..